Fragen an Ragna Schirmer

Frau Schirmer, wie werden Sie Ihre Rolle als Artiste étoile des Mozartfests interpretieren?

Ragna Schirmer: „Artiste étoile“ beim Mozartfest Würzburg sein zu dürfen, ist eine große Ehre. Ich werde versuchen, möglichst viele Aspekte Mozarts zu zeigen. Meine Konzertformate reichen von traditionellen Konzerten mit Orchester, in denen ich als Solistin auftrete, über einen Klavierabend, bei dem ich einen historischen sowie einen modernen Flügel verwenden werde, bis hin zum Triadischen Ballett mit Marionetten in der originalen Choreografie von Oskar Schlemmer mit seiner Auswahl der Werke Mozarts. Open Air spiele ich als Duo „PiaCussion“ mit dem Schlagzeuger Matthias Daneck. Also: Es wird ein buntes Kaleidoskop rund um Mozart.

Wir Journalisten stellen fest, dass bei unserer Arbeit das Erklären immer wichtiger wird. Machen Sie bei der Moderation Ihrer Konzerte ähnliche Erfahrungen?

Schirmer: Es geht bei meinen Moderationen nicht so sehr darum, Dinge zu erklären. Das klingt so belehrend. Mir ist wichtig, den Hörgenuss zu erweitern. Ich selbst höre ein Werk auch anders, wenn ich die Hintergrund-Informationen dazu kenne. Es gibt zu jedem Werk viele Geschichten zu erzählen. Aber es gibt natürlich auch weitere interessante Informationen: Zum Beispiel zur Technik des Klaviers. Oder zur Entstehung der Werke. Die Moderationen vor den jeweiligen Stücken beleben den Abend. Sonst könnte man ja auch ein Programmheft verteilen und sagen: Lesen Sie sich das bitte vorher durch!

Sie haben einmal den Begriff des Staunens im Zusammenhang mit Kultur ins Spiel gebracht. Was bedeutet er Ihnen?

Schirmer: Wir brauchen vor allem das analoge Staunen, und das dringender denn je. Wir sind umgeben von digitalen, nicht mehr greifbaren Parallelwelten. Ich merke bei mir selbst geradezu körperlich, wie sehr ich es genieße, mit den Händen zu musizieren. Den Klang im Raum zu spüren, das Holz zum Vibrieren zu bringen. Das lässt mich immer wieder staunen. Durch dieses „Im-Moment-Sein“ spüren wir Musik ganz unmittelbar, können uns verbinden mit den Tönen, die vor 250 Jahren komponiert wurden.

Sie haben 2011 nach zehn Jahren eine Professur in Mannheim aufgegeben, um jüngere Talente zu fördern. Was gab dafür den Anstoß?

Schirmer: Ich unterrichte jetzt an einer Spezialschule für Musik in Halle, an der Begabte und Hochbegabte ausgebildet werden … sollen (lacht). In der Zeit um die Pubertät herum bilden sich Grundlagen für den Umgang mit dem eigenen Körper und der eigenen Psyche aus. Im Teenager- Alter spielen die Selbstwahrnehmung, das Auftreten, Adrenalin, Lampenfieber und ähnliches eine große Rolle. Da versuche ich, junge Menschen auf ihrem Weg zur Musik im Rahmen meiner Möglichkeiten zu fördern.

Teenager in der Pubertät – das klingt nach einer schwierigen Kundschaft.

Schirmer: Es ist eine Herausforderung. Ein junger Mensch braucht in seiner Entwicklung immer neue Motivationsanreize. Stundenlanges Üben wird nicht mehr selbstverständlich als notwendig erachtet. Es wird hinterfragt, warum mache ich das überhaupt? Da muss ein Pädagoge Methoden entwickeln, um eben dieses oben beschriebene Staunen wieder neu hervorzurufen. Und das Glücksgefühl zu stärken, das damit verbunden ist, eine Aufgabe zu bewältigen. Wenn ich merke, dass ich etwas kann, was ich gestern noch nicht konnte, bin ich wieder neu motiviert.

Es fällt auf, dass Sie Bach, Händel, Haydn, Clara Schumann oder Ravel aufgenommen haben, Mozart aber noch nicht.

Schirmer: Genau. Daher bin ich besonders dankbar, dass ich durch die Intendantin des Mozartfestes, Evelyn Meining, motiviert werde, mich wieder vermehrt mit Mozart zu befassen, der in meiner Ausbildung sehr wichtig war. Ich hatte mit Mozarts Klavier-Konzerten große Erfolge, sei es in der Berliner Philharmonie, sei es nach dem Mauerfall bei vielen Konzerten mit den großen Orchestern der dann ehemaligen DDR. Es gibt recht viele Radio- Übertragungen mit Klavierkonzerten von Mozart mit mir, aber keine CD Aufnahmen. Es ist toll, wieder Mozart zu üben und zu proben – er hat diese Reinheit, diese Klarheit, das tut richtig gut.

Sie besitzen acht Flügel aus verschiedenen Epochen – Sie müssen ein sehr großes Wohnzimmer haben.

Schirmer: Nein, nein, die sind nicht alle bei mir zu Hause. Dort habe ich drei Flügel stehen, das lässt sich noch bewerkstelligen. Einer steht im Puppentheater für die Inszenierung „Clara“, die anderen sind in einem Lager in Leipzig, weil ich mit denen auch reise. Es ist sehr wichtig, die Konzerte auf dem jeweiligen Flügel vorzubereiten, denn die Mechaniken sind sehr unterschiedlich. So habe ich zum Beispiel vorgestern zwei Konzerte auf einem Flügel von 1817 gegeben.

Die F.A.Z. hat Sie als „politisch kluge Künstlerin“ bezeichnet. Was hat sie damit gemeint?

Schirmer: Ich habe mich in meiner Wahlheimat Sachsen-Anhalt bei politischen Diskussionen eingemischt, war einige Jahre Präsidentin des Kultursenats. Habe meinen Mund aufgemacht, ohne polemisch zu werden, hoffe ich. Ich bin der Meinung, dass Kulturschaffende auch die „Kultiviertheit“ in jeglicher Hinsicht immer wieder in den Fokus stellen müssen: Wie gehen wir miteinander um? Wie gehen wir mit unseren Werten, unseren Traditionen um? Das ist mein Credo.

Frau Meining hat in einer Laudatio über Sie einmal den Begriff „Kultur als Gegengift“ verwendet. Wie kann dieses Gegengift im besten Fall wirken?

Schirmer: Wir brauchen die Dissonanz, ohne die es keinen Fortschritt gibt, aber wir brauchen immer wieder die Hinwendung zur Harmonie, zum Frieden. Ich glaube, dass musikalisch denkende Menschen dazu prädestiniert sind, diese Harmonie immer wieder einzufordern. Momentan haben wir es mit sehr viel Gift zu tun in der Gesellschaft, es wird nicht konstruktiv diskutiert, sondern auf destruktive Weise werden Positionen verteidigt. Musik kann zeigen, dass auch unterschiedliche Stimmen miteinander im Einklang sein können und sogar müssen. Polyphonie eben.

Verleihung Landesmusikpreis Sachsen-Anhalt am 31.05.21

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Staats- und Kulturminister Rainer Robra überreicht den Landesmusikpreis 2020 an die in Halle lebende Pianistin Ragna Schirmer. (ganzes Video: 1:50:14)

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Rede von Ragna Schirmer „Liebeserklärung an Sachsen-Anhalt“ (Video ab 53:37)

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Laudatio von Evelyn Meining (Video ab 31:06)